Laudatio: vom Sinn der Kunst

Laudatio: vom Sinn der Kunst

Vor Kurzem durfte ich nach langer, pandemiebedingter Pause wieder eine Ausstellung eröffnen, was ich zum Anlass nahm, über die unverzichtbaren Aufgaben, die Kunst erfüllt, nachzudenken. Die Veranstaltung fand hybrid statt. Neben einer begrenzten Anzahl an Besuchern vor Ort, waren zahlreiche Gäste via Instagram dabei…

Text zum Vortrag

Die Pandemie zwingt uns in ein engmaschiges Netz des Funktionierens und Reagierens, indem für Kunst wenig Platz zu sein scheint. Seit Monaten beschäftigt uns neben fallenden und steigenden Kurven, Inzidenzen und Schwellenwerten die Frage, was systemrelevant und was im Notfall verzichtbar ist. Eine Antwort auf diese Frage maße ich mir nicht an. Wohl aber möchte ich die Chance nutzen, und an die wichtigen und elementaren – und ja ich möchte auch sagen unverzichtbaren Aufgaben, die Kunst erfüllt erinnern. 

Laudatio Anna-Maria Schirmer
Verleihung des Kunstpreises der
Sparda-Bank (mit Corona-Verspätung 😉 )

Dem raschen Blick zeigt sich Kunst als Parallelwelt in die wir ein- und abtauchen können, um dem Alltag zu entfliehen. Wir begegnen dort Werken, auf die wir mit Gefallen und Missfallen reagieren:  Ein Spiel der Farben hier, eine Auseinandersetzung mit Form und Raum dort; ein spannendes Motiv, eine interessante Farbwahl, eine faszinierende Perspektive… 

Über das ästhetische Wohlgefallen hinaus, haben wir es schon an dieser Stelle mit mehr als lediglich mit einer dekorativen Verhübschung des Alltäglichen zu tun. Denn gelegentlich gleiten wir auf den Schwingen der Kunst in eine Welt des schönen Scheins. Eine Welt, die uns auf- und durchatmen lässt und Erholung von den ermüdenden Alltagsroutinen schenkt. 

Und schon hier nimmt Kunst eine Aufgabe wahr, die unverzichtbar ist: 

  • Wie würden wir im Leben bestehen können, wenn unser zweckrationales Denken und Handeln nicht gelegentlich durch einen Flow der Fantasie und Vorstellungkraft unterbrochen würde? 
  • Wie karg und beengend fühlte es sich an, gäbe es da nicht jene Momente des Loslassens in der Empfindung des Schönen. 
  • Und wir haltlos wären wir, wenn wir nicht zumindest gelegentlich auf Spuren des Erhabenen stießen? 

Daneben öffnet sich im Feld der Kunst auch eine interpersonale Ebene. Zwischen Mensch und Mensch spannt sich ein Ort besonderer Begegnung auf, denn Künstlerinnen und Künstler teilen bisweilen mit uns auch innerste und intimste Erfahrungen und Gedanken. Sie lassen uns an ihrer Innenwelt teilhaben und erweitern damit unsere Sicht auf die Welt und auch auf uns selbst maßgeblich. 

Gemälde-Objekte von Ann-Kathrin Müller
Ann-Kathrin Müller www.ann-kathrin-mueller.de

Kunst, so möchte ich also formulieren, ist ein absolut unverzichtbares Lernfeld für Toleranz und Fremdverstehen. 

Und natürlich regen uns Künstlerinnen und Künstler zum Nachdenken über unsere Zeit an. 

Wir werden irritiert und aufgerüttelt, wenn es etwa um gesellschaftskritische Themen geht. Nicht selten legen Künstlerinnen und Künstler, den Finger auf die Wunde und weisen uns auf Missstände hin, die uns Alle angehen oder angehen sollten.

Auf einer Tiefenebene kann Kunst aber noch mehr, sie vermag in uns ein besonderes Organ zu entwickeln. Ein, unsere Leiblichkeit und Individualität in besonderer Weise umfassendes Wahrnehmungsorgan. in Anlehnung an Hartmut Rosa möchte ich das mal ein Resonanz-Organ nennen. 

Die Sinnesphysiologie lehrt uns, dass unsere Wahrnehmungsfähigkeiten  bis in die körperliche Ausprägung hinein elementar von dem Futter, dass wir der Wahrnehmung bieten abhängt. Wenn wir über Wahrnehmung nachdenken, müssen wir im Blick behalten, dass es um sinnliche Reize, um Reizaufnahme und Reizverarbeitung geht.

Julia Himmelhuber, reliefartiges Objekt
Julia Himmelhuber

Eine sinnliche Welt, die etwas ausstrahlt trifft auf einen Körper, der etwas aufnimmt und dann auch verarbeiten kann. Sowohl für die Reizaufnahme als auch für die Reizverarbeitung ist relevant, was Körper und Gehirn in der Begegnung mit Welt bereits gelernt haben, 

denn im Gehirn werden im Wahrnehmungsakt Strukturen und Schemata aktiviert, die zum Teil angeboren, zum großen Teil aber erlernt sind. Hier kommt das Futter ins Spiel, das wir der Wahrnehmung bieten, denn ein Gehirn, wird in seiner Plastizität immer ausgeprägter, je mehr ihm zur Verarbeitung geboten ist. Je vielschichtiger und engverzweigter das gewachsene neuronale Netzwerk im Gehirn ist, umso differenzierter und reicher die Wahrnehmung, so die etwas technische anmutende und vereinfachte Formel. 

Wenn ich also behaupte, Kunst vermag ein besonderes Organ in uns zu bilden, so steht diese These auch auf wissenschaftlichen Füßen. Sinne entwickeln sich erst in der Begegnung mit einem Gegenüber, präziser: mit möglichst vielen unterschiedlichen Gegenübern. Sie entwickeln sich an der Natur, an der gestalteten Umwelt und dann  – eben in einer besonderer Ausprägung  – auch an der Kunst.

Der Phänomenologe Otto Friedrich Bollnow formuliert das folgendermaßen: „Erst durch das Hören der Musik wird das Ohr zu einem für die Schönheit der Musik empfindliches Organ. Erst durch die Betrachtung der Werke der bildenden Kunst wird das Auge zu einem für die Schönheit der Form und Farbe aufgeschlossenes Organ“

Laudatio: vom Sinn der Kunst
Margarita Strena-Schirch https://strenaschirch.portfoliobox.net

Welche besondere Qualität aber meine ich, die über das bereits skizzierte hinausgehen könnten? Wenn wir uns auf einen künstlerischen Prozess einlassen, dann bedeutet das für uns als künstlerisch tätige Menschen sowie für uns als BetrachterInnen von Kunst, dass wir uns  einer Sache im Modus der Offenheit nähern: Das, was uns begegnet darf unerschließbar, und unendlich vielfältig bleiben. Statt „Bescheid wissen“ geht es um ein sich herantastendes Verstehen. Ein Verstehen, das bereit ist, sich immer wieder in den Status des Neuanfangs zu begeben, weil es akzeptiert, dass das, was uns begegnet eben nicht auf den einen, klaren Punkt gebracht werden kann Das Resonanz-Organ basiert auf einer Haltung des Fragens und Innehaltens: was könnte ich an dir entdecken, was ich zuvor noch nicht entdeckt habe? Was könntest du mehr sein, als ich bisher annahm? Was zeigt sich? Was lässt sich für-wahr-nehmen?

Es geht, so möchte ich mit Hartmut Rosa sagen, um den Umgang mit Unverfügbarkeit… denn zu Resonanz kommt es, so Rosa, wenn wir uns auf Fremdes, Irritierendes einlassen, auf all das, was sich außerhalb unserer kontrollierenden Reichweite befindet. Resonanz ist zu verstehen als Mitschwingen eines zur Schwingung fähigen Systems; die mitschwingenden Saiten bei Musikinstrumenten etwa. Wobei dieses Mitschwingen – und das ist glaube ich zentral – nur durch eine Anregung von außen initiiert werden kann. Das Mitschwingen entzieht sich der Machbarkeit, es ereignet sich, ohne permanent verfügbar zu sein… 

Maria Salmanian, Holzschnitt
Maria Salmanian

Als Wahrnehmungsmodus gedacht bedeutet Resonanz ein empfindendes, sich annähnelndes, Mitschwingen; ein Wahrnehmen und Verstehen, dass seinen Gegenstand nicht durch eine abschließende Erklärung festhalten, nicht in pragmatische, kontrollierende Vollzüge einbinden und in Kategorie festzurren möchte: „erkannt, definiert, abgeheftet“ ist dem Resonanz-Organ fremd. Das Resonanz-Organ lässt sich auf Offenheit ein, es achtet auch auf zarteste Empfindungen,  ist wachsam für Assoziationen, kombiniert kontroverse Ideensplitter und spinnt Gedankengänge, die sich anschmiegen und herantasten, ihren Gegenstand umkreisen und in jedem Moment potenziell auf Neues stoßen können.

In dieser Ausstellung findet das Resonanz-Organ eine Spielwiese. 

Mit Blick auf feinste Details nimmt uns Ann-Kathrin Müller mit auf eine Entdeckungsreise in das Dasein der Orchideen. In altmeisterlich illusionistischer Malweise festgehalten, entfalten diese stolzen Gewächse hier im Raum eine besondere Präsenz. Unter der – in diesem Fall besonders schönen Oberfläche – führt uns jede Pflanze auch eine eigene Form der Beziehung zwischen Innen und außen, vor: 

  • mal ist es die Verschränkung von Gewächs und Umraum, die sich in der höhlenartigen Öffnung der Orchidee zeigt, 
  • mal ein Fingerartiges, tastendes Eingreifen in den Raum,
  • mal ein Ineinander, das sich in der Anordnung der Blätter Schicht um Schicht fortzusetzen scheint… 

Zum Spiel mit Realitäten werden diese Werke, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf das Glas richten, das hier Bildträger ist: Hintergrund und Pflanze, Wand und Blütenblatt, … und dann spiegeln wir uns als Betrachter:in auch noch in diesem Glas und werden Teil des Bildes? Teil der Orchidee? Teil der Bewegung zwischen Innen und Außen?

Beinahe zurückhaltend wirken dagegen die Arbeiten von Julia Himmelhuber. Leise aber mit viel Potenzial für feinste Schwingungen treten diese Objekte an uns heran, wenn wir uns ihnen widmen: was ist Hintergrund- was Vordergrund? Was Motiv, was Bildträger?  Noch Wand, schon Bild? Wie eine Archäologin legt Julia Fundstücke frei, sammelt und konserviert Spuren, fokussiert und konzentriert und bringt Materialien so miteinander in einen Dialog, dass sich feinste Verschiebungen zwischen dem Gewöhnlichen und dem Besonderen einstellen. Unweigerlich beginnt man sich zu fragen, wo die Oberfläche endet und das Innenleben, das Eigen-Sein der Dinge beginnt. Sind Momente immer flüchtig, oder kann man sie doch konservieren?  

Mit ihrer kraftvollen Malerei bietet uns Margarita Strena-Schirch Einblicke in eine besondere Beziehungs-Arbeit an. Es geht um Unmittelbarkeit, um Energien und sensible Annäherung, wenn Margarita die Kreide oder den Pinsel zur Hand nimmt und ihre Hündin porträtiert. 

Ohne sich in Äußerlichkeiten der mimetischen Abbildung zu verlieren, verfolgt sie konsequent ihr Anliegen, Begegnungsmomente zwischen sich und dem Tier in Farbe und Form zu übersetzen. Dabei sind ihre abstrakten Gemälde in keinem Moment beliebig. Wer genau hinschaut erkennt die Präzision mit welcher die Bewegungen des Tieres wahrgenommen und in reduzierter Geste wiedergegeben wird. Die energisch farbenfrohe Malweise erinnert in ihrer Direktheit an die Unverstelltheit, mit der uns Tiere begegnen. 
Ein Tier spielt keine Rollen, es hält sich nicht an Konventionen und hat doch ein feines – bisweilen feinstes Gespür für Stimmungen und Emotionen. Mir scheint, Margaritas Bilder fangen diesen besonderen Energiefluss zwischen Mensch und Tier ein. Sie können Freude bereiten, weil sie voll Sinneskraft und Leichtigkeit zugleich auf ein kleines aber bedeutsames Glück hinweisen… 

Auf eine Suche nach Klärung und Verklärung begibt sich Maria Salmanian in ihrer Arbeit als Künstlerin. Der Wald ist ihr Motiv oder vielmehr ihr Erleben des Waldes als Ort der tiefen Erfahrung. Einem zunächst wagen Gefühl der Bedeutsamkeit folgend, verdichtet sie Strich um Strich und Schnitt für Schnitt – sie arbeitet mit der Technik des Holzschnitts. Sie klärt dadurch die Anmutung, die sie wahrnimmt und überführt diese in die starken Bilder, die wir hier sehen können. Die Entschleunigung, die dieser Tätigkeit eigen ist, hat etwas Asketisches und hier setzt sich die Verklärung im künstlerischen Handeln fort, so meine ich zu erkennen. Mich erinnert das an das Gefühl von schierer Lebenskraft und erhabener Zeitlosigkeit, das einen berührt, wenn man sich im Wald unter einen Baum stellt, nach oben Blickt und aufhört zu denken…   

Das letzte Wort sei ich Paolo Bianchi überlassen, einem der feinsinnigsten Kunst-Denker unserer Zeit. Nach dem Sinn der Kunst gefragt sagt er: 

Kunst regt nicht nur zu einer tieferen Befragung des eigenen Ich an. Sie in unseren Sinneskosmos einfließen zu lassen, führt zu einer offeneren Weltsicht, die eines ermöglicht: Mehrdeutigkeit statt Eindeutigkeit, Dissens statt Konsens, Visionen von Wahrheit statt einer einzigen Wahrheit (P. Bianchi, Kunstforum BD. 2/2018, 3)

Wagen wir immer wieder unsere Weltsicht zu öffnen: wir können dadurch nur gewinnen. 

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